Gestaltete Räume
von Vanessa Joan Müller

Bernd und Hilla Becher haben zwischen 1959 bis 1975 eine Reihe von Fachwerkhäusern im Siegerland in der für sie typischen, streng auf die Typologie der Gebäude fokussierten Weise fotografiert. In den schwarz-weißen Aufnahmen dieser aus der Zeit um 1900 stammenden Häuser tritt das Fachwerk deutlich hervor. Es fasziniert durch seine horizontal und vertikal ausgerichtete Struktur, die trotz der ärmlichen Form des Bauens ein tragfähiges Konstrukt beschreibt. Den Bechers ging es in ihrer fotografischen Typologie vor allem um den pragmatischen Aspekt des Häuserbaus, den Kompromiss von Absicht und Werkstoff, technischem Können und finanzieller Beschränkung, der sich in den Gebäuden widerspiegelt.
Jeanette Schnüttgen hat in einer Serie von Zeichnungen ebenfalls die bekannten Fachwerkhäuser aus dem Siegerland thematisiert, ohne diese jedoch direkt zu repräsentieren. Ihre in schwarz-weiß gehaltenen, mit Bleistift und Kohle ausgeführten Zeichnungen nehmen vielmehr die Struktur des Fachwerks auf, um dieses imaginär zu erweitern und die unorthodoxe Konstruktion ins Paradoxe fortzuschreiben. Die Zeichnungen geben sich perspektivisch, eröffnen aber teilweise real unmögliche Räume. Sie suggerieren eine grafisch abstrahierte Zweidimensionalität, die Flächen ineinander blendet, oder aber betonen die Flächigkeit der Frontalansicht, als sei diese nur Kulisse. Sachlich und klar wie die fotografischen Dokumentationen der Bechers und auf die Konstruktionslinien konzentriert, entstehen aus den Regeln der Perspektive erschaffene Räume, die spielerisch das Raster des Fachwerks zum Ausgangspunkt linearer wie phantasievoller Abstraktionen erheben.

Dieser Rekurs auf vorgeblich Vertrautes, das im Spiel mit schematisierter Bildlichkeit und suggerierter Tiefe eine surreale Wendung erfährt, kennzeichnet auch Jeanette Schnüttgens Landschaftsbilder. Die häufig mit Hilfe von Schablonen erstellten Zeichnungen rekurrieren auf ein Repertoire an Formen, die sofort an dunkle Wälder und deren Bewohner denken lassen: Bäume, Pilze, Eulen, Kröten und Wölfe. Wie bei den Fachwerkhäusern ist es auch hier jedoch weniger das Gegenständliche, das in den Vordergrund tritt, sondern dessen Hervorbringung im Wechselspiel aus Raum und Fläche, weichem Graphit und hartem Bleistift. Plakativ gehaltene Farbflächen treffen auf zarte Linien, harte Schraffuren auf weiche Zonen aus Aquarell. Es sind Zeichnungen, die aussehen, als seien sie noch im Werden begriffen. Mit dem Radiergummi neu gestaltete Bereiche, gestische Spuren, Überlagerungen und Revisionen zeugen von einem sukzessiven Prozess, der weniger geplant als gewachsen wirkt.

Tatsächlich gelingt es Jeanette Schnüttgen, in ihren Zeichnungen ein Pendant zu dem imaginierten natürlichen Mikrokosmos zu etablieren. Einerseits begegnet uns eine Natur, die aus sich heraus entstanden zu sein scheint, andererseits ist diese deutlich von unserem kulturell geprägten Blick auf Natur bestimmt. Neben klar konturierte Formen treten diffuse, häufig dunkle Zonen, die jene Unheimlichkeit suggerieren, die unser Bild von unberührter Waldlandschaft charakterisieren. In ihren plastischen Installationen hat Schnüttgen fiktive Waldstücke bühnenbildartig aufgefächert: skulptural im Raum stehende Tannenbäume, organische Kleinformen aus Keramik, die an Pilze und anderen Bodenbewuchs erinnern, gefährlich dunkle Teiche, das Ganze dramatisch von Overhead-Projektoren illuminiert, im Maßstab vergrößert und als Schattenform an die Wand projiziert, so als sei unsere Vorstellung der unberührten Natur tatsächlich nur eine Projektion.

Dass wir uns in Anbetracht ihrer Zeichnungen und Installationen durchaus an kindliche Vorstellungswelten erinnert fühlen, liegt vermutlich primär an dem märchenhaften Bildpersonal, das den Gegensatz zwischen Natur und Kultur verkörpert, wobei erstere für das unheimliche Andere steht. Scheue Wesen wie Eulen bevölkern diese allein im Medium der Zeichnung existierenden Sphären, Pilze – pittoresk anzusehen, in natura aber mehrheitlich giftig – sprießen aus dem Boden, dichte belaubte Bäume verdunkeln die Sicht.
Der Gegensatz von naturhaft Gegebenem und menschlich Gestaltetem löst sich in der künstlerischen Nachformung auf.

In neueren Arbeiten weichen diese dunklen Wälder Parkanlagen, das heißt gestalteten Landschaften, die die Natur zum Muster und Vorbild nehmen, gleichwohl aber in einer Weise kultivieren, dass diese ihren Schrecken und ihre Unwägbarkeit verliert. Im Gegensatz zu den von der Farbe Schwarz dominierten, von volumenhafter Gestik, verwischter Frottage und vielfältigen Überlagerungen geprägten Wäldern sind diese Zeichnungen geradezu licht und leicht. Wenige Striche in hellen Farben, sparsame Setzungen aus Aquarell und große Weißflächen sprechen von einer aufgeräumten Landschaft, in deren Zentrum manchmal eine in ihrer architektonischen Präsenz hervorstechende Springbrunnenanlage steht. Allein Menschen finden sich nicht in diesen Zeichnungen, und Tiere sind im modernen Stadtpark ohnehin nicht vorgesehen.

Das scheinbar Unberührte, organisch aus sich heraus wachsende Fremde, das die Waldbilder in ihrer schablonenhaften Plastizität erzeugen, steht in deutlichem Kontrast zu den sparsam angedeuteten Naturelementen dieser neueren Zeichnungen, die den Hintergrund für vom Menschen gestaltete Interventionen bilden. Auch hier gelingt es Jeanette Schnüttgen, den Schöpfungsprozess in zeichnerische Mittel zu übersetzen, welche die Metamorphose der Landschaft und In-Regie-Nahme der Natur beschreiben: Als Prozess der Reduktion, bei der grelle Farben das Dunkle vertreiben, transparente Graphitwolken an die Stelle der opaken Dichte fast schwarzer Schraffuren treten, Bäume als Konturen gestaltet sind statt sich zu undurchdringlichen Farbblöcken zu verdichten und eine vom Bildzentrum aus entwickelte Komposition das geordnete Chaos ersetzt.

Wie die plastischen Arbeiten sind auch diese Bildräume gestaltete Umgebungen fiktiv-realer Natur, die mit zeichnerischer Raffinesse unsere Imaginationskraft aktivieren. Gerade ihre Abstraktion eröffnet uns die Möglichkeit, erinnerte kollektive Bildwelten über die Zeichnungen zu blenden und in der Vielfalt der Schraffuren, Linien und klar konturierten Flächen vertraut-fremde Szenarien zu erkennen. Die Ausstreichungen, Radierzonen und Verwischungen markieren dabei jene Unschärfebereiche, die unsere Imagination inspiriert.